Die Wahrheit über Kronstadt

Der folgende Text war zunächst vorgesehen, konnte dann aber nicht auf die CD »Rosa Luxemburg - Schriften und Reden« aufgenommen werden. Wir publizieren ihn daher an dieser Stelle im HTML-Format.

Anonym (=Rosa Luxemburg): Die Wahrheit über Kronstadt

Ein förmlicher Platzregen widersprüchlicher Telegramme über die Ereignisse in Kronstadt kam in der letzten Woche aus Rußland. Die Grundtendenz der offiziösen Berichterstattung aus dem Zarenreich trat kraß zutage: die Rebellion in Kronstadt sollte dem westeuropäischen Publikum als eine Orgie sinnlos betrunkener Matrosen, als eine Reihe haarsträubender Greueltaten des wütenden Mobs - darunter sollte das Publikum eben die meuternden Matrosen verstehen -, als ein chaotischer Ausbruch entfesselter verbrecherischer Triebe hingestellt werden. Das Arbeiterpublikum freilich in Deutschland, wie anderswo, wußte sehr wohl, was es von dieser Stimmungsmache zu halten hatte, es ahnte den wahren Zusammenhang der Dinge ungefähr voraus. Jetzt sind wir in der Lage, die Vorgänge in Kronstadt mit der größten Genauigkeit zu schildern. Ein Brief aus Petersburg, den wir nachstehend bringen, gibt eine Darstellung der Kronstadter Tage, die in jedem nicht zur Bestie ausgearteten Menschen das Blut in fieberhafte Wallungen bringen. Ja wohl! Ausschreitungen des Pöbels, ein wirres Chaos sich austobender verbrecherischer Instinkte, Mord und Plünderung wüteten binnen einiger Tage in der gewaltigen Seefestung, die den Eingang zur zarischen Hauptstadt bildet, rauchende Trümmer bezeichnen den Weg, den diese monströse Orgie geschritten. Aber der bestialische Pöbel, der diese Orgien feierte, waren nicht die Matrosen, waren nicht das kämpfende Proletariat Kronstadts, sondern die »schwarzen Banden«, die Werkzeuge der zarischen Schandbuben, die unter Mord, Raub, Brandstiftung und Plünderung einen der großartigsten politischen Klassenkämpfe dieser Revolution ersticken und besudeln wollten! ... Bei jeder untergehenden Staats- und Gesellschaftsform bilden Korruption und moralischer Verfall eine naturnotwendige Begleiterscheinung. Allein, die Halunken des zarischen Regiments entwickeln bei ihren letzten Existenzkämpfen eine so beispiellose zynische Niedertracht, daß sich die erbärmlichen Wichte des ancien regime und sogar die berühmte Gesellschaft des 10. Dezember von Louis Napoleon gegen sie noch wie eine Galerie antiker Sittenhelden ausnehmen.

Petersburg, 10. November (Eig. Ber.) Die Ereignisse überstürzen sich jetzt dermaßen, daß es fast unmöglich wird, sie zu fixieren. Um Ihnen ein allgemeines Bild von der Lage der Dinge zu geben, wollen wir nach der Reihe einige der wichtigsten Ereignisse näher beleuchten. Oder vielmehr nach der umgekehrten Reihe: Fangen wir mit demjenigen an, was in den letzten Tagen die Gemüter aufs tiefste erschüttert hat, mit dem grandiosen Aufstand der Matrosen in Kronstadt.

Bereits seit zwei Jahren besteht unter der Marine in Kronstadt eine Organisation der russischen Sozialdemokratie, die sich eines großen Einflusses erfreut und die Agitation systematisch betreibt. Einen besonders tiefen Eindruck auf die Matrosen Kronstadts hat auch seinerzeit die Rebellion der »Potemkin«-Mannschaft gemacht. Mehrere sozialdemokratische Matrosen aus der Schwarzmeerflotte wurden nach jenen denkwürdigen Ereignissen behufs Schwächung ihres »umstürzlerischen« Einflusses nach Kronstadt übergeführt, wo sie natürlich die Agitation noch mehr belebten. Schließlich vor kurzem erst ist desgleichen die 18. Garde-Equipage aus Petersburg als eine von dem sozialdemokratischen Gift infizierte nach Kronstadt »isoliert« worden. Diese Equipage war es auch richtig, die die Losung zum Aufstand gab.

Die jüngste Bewegung wurde eingeleitet durch ein Riesenmeeting, an dem zehntausende von Matrosen teilnahmen und wo Matrosen gleichfalls als Redner auftraten. Es wurden die besonderen Beschwerden der Matrosen sowie die allgemeine politische Lage des Reiches besprochen. Schließlich wurde eine Liste der Forderungen angenommen, die aus 18 Punkten bestand, darunter: die Verkürzung der Dienstzeit von 7 auf 5 Jahre, die Erhöhung des Gehalts von 22 1/2 Kopeken (ca. 50 Pf.) monatlich (!) auf vier Rubel, bessere Verpflegung, menschenwürdige Behandlung seitens der Offiziere, sodann: Rede- und Preßfreiheit, allgemeines direktes gleiches Wahlrecht zur gesetzgebenden Körperschaft usw. Die grandiose Versammlung erklärte sich zugleich für die Notwendigkeit, an dem allgemeinen politisch-revolutionären Kampfe des Proletariats in ganz Rußland teilzunehmen, um den Sturz des Absolutismus herbeizuführen. Nach Schluß der Versammlung, in der die begeisterte Stimmung, aber zugleich die größte Ruhe und Ordnung herrschte, formierten sich die Matrosen zu einem Waffenzug und marschierten mit sozialdemokratischen Fahnen und Gesang revolutionärer Lieder, immer in der größten Ordnung durch die Stadt.

An dem Meeting sowie an dem Umzug der Matrosen hatte auch eine Anzahl Artillerie-Soldaten teilgenommen. Gleich darauf wurden aus diesem Grunde von den Militärbehörden Verhaftungen vorgenommen. An die ungeheure Masse der Matrosen wagte man sich nicht heran, aber 40 Artilleristen sollten nach Petersburg abgeführt und hinter Schloß und Riegel gesteckt werden. Das konnten die Matrosen nicht dulden. Zusammen mit Hafenarbeitern begaben sie sich zum Bahnhof, verhinderten die Abführung der Kameraden von der Artillerie und befreiten sie. Dabei hat zwischen Arbeitern und Matrosen einer- und den Soldaten andererseits eine förmliche Schlacht stattgefunden, die jedoch insofern ziemlich unblutig verlaufen ist, als die Soldaten zumeist selbst schwankend waren und nicht auf die Matrosen feuern wollten.

Als so die Matrosen den Sieg davontrugen und die Haltung auch der Landtruppen als höchst unzuverlässig sich erwies, traten sofort die Organisatoren der »schwarzen hunderte« ins Werk: an der Spitze der als »wundertätiger Priester« mit dem Hofe und der Hofkamarilla in Verbindung stehende Pope Johann von Kronstadt, mit ihm andere Popen und die höheren Offiziere. Sie fingen eilig an, das Lumpenproletariat, Spitzel, Souteneure, verkleidete Polizisten zusammenzutrommeln. Im Nu kam eine »patriotische Kundgebung« zustande: vornweg das Zarenbild und singende Popen, hinter ihnen eine Prozession sämtlicher Lumpen und des Abschaums von Kronstadt, die meisten besoffen dank dem von oben erhaltenen Judasgelde. Die fromm-patriotische Prozession endete ... mit der Zerstörung der Schnapsläden und der Privathäuser. Die »Ordnungsstützen« plünderten und stahlen wie die Raben.

Diese Lumpenprozession wurde mit offener Absicht direkt gegen einen ruhigen und ordentlichen Umzug der Matrosen und der Hafenarbeiter geführt. Zwischen beiden kam es zu einem Zusammenstoß. Da die Matrosen aber tüchtig auf das Gesindel einhieben, wurden schleunigst aus Petersburg zwei Regimenter regulärer Truppen herbeigeholt. Die Lumpen sollten selbstverständlich nur zur Provokation dienen, die Niedermetzelung der Matrosen hatten die Soldaten zu besorgen. Es kamen ein Regiment Dragoner und ein Regiment berittener Garde - mit Maschinengewehren. Doch auch hier wiederholte sich die frühere Erfahrung: die Truppen schwankten, die Soldaten wollten nicht schießen und ließen sich ohne Widerstand entwaffnen. Auf diese Weise blieb der Sieg auf seiten der Matrosen und der Hafenarbeiter, die sich auch der Maschinengewehre bemächtigt hatten. Aufs äußerste erbittert durch die infame Hetze der Offiziere, die ganz offen die »schwarzen hunderte« aufstachelten, richteten die Matrosen die Maschinengewehre nunmehr gegen das Offizierskasino, eröffneten ein Bombardement auf die Forts und bemächtigten sich eines Panzerkreuzers. Die Lage wurde für die Offiziere und für die Popen höchst prekär. Sie verkrochen sich in höchster Angst. Zwei Tage lang waren die Matrosen Herrn der Stadt. Und doch passierte in diesen 48 Stunden gar keine Ausschreitung, nicht der geringste Übergriff gegen die friedliche Bevölkerung. Inzwischen hatten aber die Häupter der »schwarzen hunderte« auch ihren Plan ins Werk gesetzt: plötzlich entstand ein furchtbarer Brand in der Stadt. Das Polizeigesindel hatte an zweiunddreißig Stellen auf einmal Feuer angelegt. Nicht bloß verkleidete, sondern sogar uniformierte Polizisten wurden dabei gesehen, wie sie Feuer anlegten. Es entstand eine schreckliche Panik, ein unbeschreibliches Chaos. Die Bevölkerung floh in wilder Angst nach Petersburg. Hier stürmten die Bürger in die Redaktionen und erzählten das Vorgefallene, wobei sie schworen, daß kein einziger Matrose bei den Brandstiftungen beteiligt war. Die Einwohnerschaft Kronstadts wisse ganz genau, daß das Feuer von Regierungsagenten angelegt wäre. Zugleich begann das Gesindel natürlich wie immer zu stehlen, zu plündern, besoffene Banden dieser »Ordnungsstützen« überfielen Privatwohnungen und feierten Orgien. Bei diesem allgemeinen Tohuwabohu rückte eine ganze Division regulärer Truppen aus Petersburg ein, es entstand eine blutige Schlacht, in der die Matrosen und die Hafenarbeiter schließlich »besiegt« wurden...

Diese Schlacht und dieser Sieg in Kronstadt muß neben den denkwürdigen Siegen der zarischen Schurken in Kischinew und in Odessa von der Geschichte verewigt werden. Aber eins ist wenigstens klar: heutzutage hält sich die Zarenregierung an der Macht nicht einmal durch nackte Gewalt der Bajonette, denn auch diese versagen. Den Thron der Romanows unterstützen heute als die letzten treuen Pilaster: der besoffene Polizeispitzel und der plündernde Souteneur.

Erstmals erschienen in: Vorwärts, 16. November 1905, Nr. 269, Beilage 1, S. 1.